Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
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Inhaltsangabe zu "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis"
Sein Buch gebe ein altes Rätsel auf, hat der 65-jährige israelische Schriftsteller Amos Oz über den Inhalt seines stark autobiografisch gefärbten Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis geschrieben: „Wie können zwei gute Menschen eine schreckliche Katastrophe herbeiführen? Wie kann es kommen, dass die Heirat zweier Menschen, die einander wollen und einander gutes Wünschen, in einer Tragödie endet?“Die zwei Menschen, von denen Oz hier spricht, das ist zum einen sein Vater: „ein sentimentaler und enthusiastischer Mann“, der siebzehn Sprachen lesen und elf sprechen kann (alle mit russischem Akzent), ein Universalgelehrter voll mit Magie und Mystik, und doch nach Ansicht der Mutter „rational sogar noch im Schlaf“. Die andere Person ist die Mutter des Schriftstellers, Fania Klausner, die am Ende der Geschichte von Liebe und Finsternis verzweifelt den Freitod wählt -- und von der der Ich-Erzähler behauptet, „bis zum Schreiben dieser Seiten“ nie über sie gesprochen zu haben. Ihre tragische Geschichte erzählt das Buch -- und die Geschichte der Überlebenden ihrer Familien, die, dem Holocaust entronnen, in den vierziger Jahren ins gelobte Land nach Palästina ziehen, und die doch auch in der ersehnten Fremde nicht recht glücklich wurden.
“Dieses Buch handelt von der enttäuschten Liebe meiner Eltern und Großeltern zu Europa“, heißt es bei Oz. „Es spürt dem jüdischen Erbe in der europäischen Kultur nach und dem europäischen Erbe in unserer eigenen Kultur. Vor allem aber ist es ein Buch über eine einzelne kleine Familie“. Nein, möchte man, eher ergänzend als widersprechend, hinzufügen: Vor allem ist die Geschichte von Liebe und Finsternis ein Stück großer, packender, ehrlicher, grandios erzählter Literatur. --Stefan Kellerer
Ein Gesamtkunstwerk
Mit „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Amos Oz habe ich in den vergangenen Wochen ein dickes und ganz großes Stück Literatur lesen dürfen. Oz schildert darin seine Kindheit und Jugend, die er als einziger Sohn einer aus Osteuropa nach Palästina geflüchteten Familie im Kreise von politisch und geistig aktiven Menschen in einer meist finsteren Zeit und Umgebung verbringt. Seine Familie ist aus ihrer angestammten Umgebung herausgerissen worden aufgrund eines Umstands, der bisher in deren Leben nur eine ganz geringe Bedeutung hatte. Sie sind Juden. Aber viel mehr als das sind sie vor allem Europäer, verwurzelt in der Geistesgeschichte von Deutschland, Polen, Frankreich, Großbritannien und was es sonst noch für Länder des europäischen Kontinents gibt. Nun aber sind sie verschlagen worden in die Heimat der Juden. In dieses heiße trockene Land, das in ihrer Wahrnehmung alles andere ist als ihre Heimat. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit ihrem früheren Leben und Wirken als Universitäts-, Verlags- oder Bibliotheksangehörige zu tun. Die Flucht nach Palästina hat sie herausgerissen aus dieser Welt und ihre fest geplanten Karrieren in der geistigen Welt der Wissenschaft abgeschnitten. Nun sind sie in einem Land, das noch gar nicht gegründet ist und dessen Schicksal noch vollkommen ungeklärt bleibt. Solange dieses Schicksal nicht festgeschrieben und ihr Dortsein keine feste Basis hat, gestaltet sich das Zusammenleben mit denen, denen Palästina eigentlich Heimat ist, - den arabisch-stämmigen Bewohnern - recht unkompliziert. Es ist ein abwartendes Nebeneinander, das aber wenig mit Feindschaft zu tun hat. Amos lebt mit seinen Eltern in einer finsteren Kellerwohnung in Jerusalem. Sein Vater hat eine Arbeit, die nicht seinen ursprünglichen Karriereerwartungen entspricht, und verbringt deshalb seine Nächte mit dem Verfassen wissenschaftlicher Artikel, die ihm irgendwann doch einmal die Tür öffnen sollen in eine wissenschaftliche Universitätsposition. Das Land in Palästina hat sich zu dieser Zeit nicht nur staatlich noch nicht definiert, sondern ist auch innerlich zumindest dreigeteilt und wird repräsentiert durch drei komplett unterschiedliche Lebensentwürfe. Da ist Jerusalem, die Stadt der Tradition und der geistigen Eliten; da ist aber auch Tel Aviv, die moderne Stadt, in der man nach Europa strebt und sich an der europäischen Moderne orientiert (ungeachtet der parallel in Europa stattfindenden Barbarei) und da sind die Kibuzze, in der ein neuer Mensch nach sozialistischen Maßstäben gestaltet werden soll. Wenn Oz sein Familienleben schildert und die regelmäßigen Besuche im Verwandtschafts- und Bekanntenkreis in den nacherzählten Gesprächen zum Leben erweckt, so bekommt der Leser das Gefühl, dass vom Jerusalemer Standpunkt aus betrachtet etwa die Kibbuzwelt wesentlich weiter entfernt und fremd erscheint als die der arabischen Mitbewohner der Stadt. Und doch wird aus beidem in der weiteren Geschichte ein Staat mit großen Herausforderungen gerade an die Gemeinsamkeit erwachsen. Oz schafft es, diese Zerrissenheit der jüdischen „Gemeinde“ in den 40er Jahren in Palästina anhand von Schilderungen vieler einzelner Erlebnisse, Situationen und Gespräche intensiv an den Leser und die Leserin zu vermitteln.
Er konzentriert sich dabei ganz auf die Gesellschaftlichen Stimmungen in der Geschichte Israels in dieser Gründungsphase des Staates. Düster ist die Zeit, und dennoch spielt in den Gesprächen und Gedanken der handelnden Menschen das ferne aber parallele Geschehen in Deutschland und den eroberten ehemaligen Heimatländern keine oder nur eine kleine Rolle. Die Konzentration liegt ganz auf dem, was in diesem Zufluchtsland geschieht und entstehen kann.
Die Geschichte Israels und das Leben von Amos (damals noch Klausner mit Nachnamen) geht weiter und kulminiert in der knappen Entscheidung der UN-Staatengemeinschaft für die Gründung des Staates Israel im November 1947. Ein Moment, der von Amos und seiner Familie frenetisch gefeiert wird. Doch führt das noch in der Gründungsnacht zum Krieg mit den Anrainerstaaten und zum Ende des friedlichen Miteinanders mit den angestammten Bewohnern. Diesen Krieg erlebt Amos über eine lange Zeit hinweg mit seiner Familie und einer Menge von Freunden und Verwandten in ihrer abgedunkelten, abgeschotteten Kellerwohnung. Wir erfahren von mehr oder weniger durch Scharfschützen zufällig getöteten Bekannten, sobald solche Schutzräume verlassen wurden. Jerusalem ist geteilt und die Fahrt zur ehemaligen Arbeitsstätte des Vaters, die in einer Enklave liegt, ist nur mehr mit einem im gesicherten Konvoi fahrenden Bus durch die Ostgebiete der Stadt möglich.
Nach Friedensschluss normalisiert sich das Leben im Land etwas und Amos wächst heran. Der nächste Schicksalsschlag ist die Erkrankung seiner Mutter. Sie leidet an einer tiefgradigen Depression und ist nur mehr als dunkle, schweigende und leidende Figur im Familienleben, das um sie herum organisiert wird, präsent. Mit Amos Jugend wächst auch der Wunsch, aus dieser durch historische Frustration, durch von der Geschichte abgebrochene Lebenswege, durch tief konservative Weltsichten geprägten Welt der Finsternis auszubrechen. Die Verwandtschaft der Mutter in Tel Aviv bietet dafür immer mal wieder ein kleines Ausfallstor, doch finden tut er einen alternativen Lebensentwurf, einen Ausweg dann erst nach Umzug in den Kibbuz Hulda, in dem zum ersten Mal – so scheint es – Wind um seine Nase wehen kann. Hier wird er vom kränklichen Schwächling zum braungebrannten Menschen. Hier lernt er seine spätere Frau kennen, hier erkennt man ihn als geistigen Arbeiter und schickt ihn auf die Universität. Hier wird er letztlich zum schriftstellerischen Pionier für ein modernes Israel.
Der Schreibstil von Oz liegt während des gesamten Buches auf einem sehr schmalen Grad zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtenschreibung. Das macht es dem Leser oft nicht ganz einfach, denn aus dem Roman wird über mehrere Strecken immer mal wieder fast ein non-fiktionales historisches Werk und ist damit ein eher trockenes Leseerlebnis. Dann aber wieder strahlen aus dieser trockenen Geschichtsschreibung einfach genial erzählte, individuell geprägte Situationen hervor. Dieses Wechselspiel macht für mich das Buch aus und macht es zu einem ganz großen Stück Literatur. Ein wenig musste ich denken an Tolstois „Krieg und Frieden“, in dem man sich auch durch die manchmal langatmig anmutenden Kriegsschilderungen durchlesen muss, um das Gesamtkunstwerk rund um die Helden der Geschichte aufnehmen zu können. Also ein wirkliches Gesamtkunstwerk, das einen geduldigen und entspannten Leser erfordert. Und mich am Ende belohnt hat mit einem ganz besonders spannenden und intensiven Einblick in ein mir bisher nur sehr verschwommen erkennbares Stück Geschichte. Ohne Frage macht das *****